Einleitung
Ein neues Leben beginnen
In
der Mitte des Lebens kommt es oft unerwartet zu einer Krise. Manche
Paare trifft diese Krise mitten in einem guten, glücklichen, meist aber
von Routine geprägten Lebensabschnitt: Die Kinder sind aus dem Gröbsten
heraus, die Karriereleiter ist erklommen, das Leben funktioniert. In
diesem Moment der relativen Sicherheit kann es plötzlich zu ungeahnten
Erschütterungen kommen. Es ist, als lebten wir auf einem Stück Boden,
unter dem ein Drache schläft. Und dieser Drache wälzt sich im
Schlaf, macht es sich erneut bequem, und alles, was über ihm ist,
wird furchtbar durcheinander geschüttelt. Es kann sein, dass wir in der
Mitte des Lebens durchgerüttelt werden, weil unser Drache, unsere Seele
tief im Verborgenen unbequem liegt und sich neu betten will.
In
diesem Buch erzählen und analysieren wir Geschichten von Paaren, bei
denen der Mann plötzlich in eine totale Krise gerät und sich Hals über
Kopf in eine jüngere Frau verliebt. Bar jeglicher Vernunft stürzen sich
manche Männer in dieses Abenteuer, das ihnen „endlich Glück“
verspricht. Völlig unverständlich für ihre Ehefrauen. Diese Männer
werfen alles über Bord, die langjährige Beziehung zur Frau, ihr
Vatersein, ihr bisheriges Leben. Es ist, als suchten sie ein ganz neues
Leben, als wollten sie sich aus ihrem alten Leben herauswinden wie eine
Schlange aus ihrer zu eng gewordenen Haut. Und sie kümmern sich dabei
keinen Deut um die Schmerzen, die sie ihren Frauen und ihren Kindern
damit zufügen.
In diesen Geschichten erscheinen die Männer oft
als Täter. Als gewissenlose, verantwortungslose, hemmungslose Egoisten.
Und die Frauen – zumindest am Anfang – als geschockte Opfer, getroffen
von einem um sich schlagenden Partner, den sie so noch nie erlebt
haben. Es ist, als wäre er plötzlich ein Anderer, als zeigte er sich
auf einmal von seiner übelsten Seite, einer Seite, die er bis anhin
versteckt gehalten hat. Und unser erster Reflex ist dann, ihm die
Schuld zuzuschieben für das Unglück, das er anrichtet.
Es geht
uns in diesem Buch aber nicht darum, Schuldige zu suchen. Schuld ist
nur im ersten Moment interessant. Das Zuweisen von Schuld hilft uns zu
Beginn, die Fronten zu klären. „Du hast mich und die Kinder sitzen
gelassen!“, „Du hast dein Eheversprechen gebrochen!“, „Du
bist schuld an unserem Unglück!“ Die Empörung über die Schuld des
Andern hilft uns, in die Wut zu kommen, den Anwalt anzurufen, die
Scheidung einzureichen, die Trümmer aufzuräumen und reinen Tisch zu
machen. Wut ist eine gute Kraft dafür, sie reinigt den Boden, auf dem
wir fortan stehen. Das Zuweisen von Schuld hilft uns, einen Ausgleich
zu verlangen, Gerechtigkeit zu fordern, Alimente, Unterhalt
einzufordern, und das ist gut so. Wenn wir aber auf Dauer beim
Schuldzuweisen bleiben, besteht die Gefahr , dass wir auch Opfer
bleiben. Als Opfer haben wir zwar den Vorteil, dass wir moralisch höher
stehen als der Täter. Aber es bringt uns auf die Dauer nicht weiter.
Das
Leben geht aber weiter nach diesem Erdrutsch, auch nach dem Verlust des
Partners, nach dem Zusammenbruch der Beziehung. Und damit wir nach
solch einem furchtbaren Geschehen weiterleben können, brauchen wir ein
möglichst klares Verständnis dafür, was uns da widerfahren ist. Es geht
uns in diesem Buch darum zu verstehen, warum sich der Drache im Schlaf
unruhig gewälzt hat. Denn es ist unser Drache, unsere Seele, unser
Unbewusstes, das sich da regt. Und die Wahrscheinlichkeit ist groß,
dass die „Nachricht“ des Drachen beiden gilt, nicht nur dem Mann, der
dabei vollständig durcheinander geschüttelt wird, oft ins Infantile,
ins Kindliche abgleitet und außer Kontrolle gerät. Die „Nachricht“,
nach der wir uns zu richten haben, gilt auch für die Frau. Auch sie
wird zurückgeworfen auf ihr Eigenes. Brutal. Unmissverständlich. Und
auch für sie bringt diese Krise eine Chance zu wachsen, sich neu im
Leben einzurichten, sich neu zu erfinden. Wenn auch erst aus der Not
heraus.
Wir wollen in diesem Buch etwas von dem Geheimnis
entdecken, das Paare zusammenhält oder auseinander treibt. Es geht uns
darum, zu zeigen, wie Männer und Frauen sich aneinander oder
auseinander entwickeln, was dabei manchmal unter die Räder gerät und
später als mächtige Forderung ins Leben zurückkommt, wenn Männer sich
plötzlich eine Jüngere nehmen und nachholen wollen, was sie „verpasst“
haben. Und wir fragen danach, wie Frauen und Männer nach dem Horror
einer Trennung weiterleben, welche Bewältigungsstrategien sie
entwickeln und ob sie ihr Glück gefunden haben.
Wir schreiben
dieses Buch als Paar. Wir sind seit 36 Jahren zusammen und haben diese
Krise genau so durchlebt. Die meisten Paare geraten irgendwann in eine
solche Phase, wo der Drache sich herumwälzt. Einige gehen im Laufe
dieses Prozesses auseinander, andere finden sich wieder. Die Gründe
dafür sind verschieden. Jede Geschichte ist anders und folgt ihren
eigenen Gesetzmäßigkeiten. In unserer Arbeit als Coaches – auch für
Paare – hilft uns unsere eigene Erfahrung oft, die beiden Partner zu
verstehen. Für dieses Buch haben wir uns aufgeteilt und
auseinandergesetzt. Doris Carmen Meyer lässt Frauen erzählen, Charles
Meyer Männer. Es ist eine sehr unterschiedliche Sicht der Dinge, die
wir da angetroffen haben. Aber das ist ja auch kein Wunder. Jeder
Mensch erzählt sich seine eigene Geschichte dauernd neu, und dauernd
überschreibt er sie. Wir müssen das tun, damit wir uns jeden Morgen im
Spiegel begegnen können. Würden wir uns objektiv sehen können, wäre das
Leben vielleicht gar nicht erträglich. Wüssten wir dauernd um unsere
Mängel, unsere Fehlentscheide, unsere Feigheit, hätten wir dann noch
immer die Größe, uns selbst zu mögen? Vielleicht.
Natürlich und
verständlich ist deshalb, dass wir uns unsere eigene Geschichte
schönschreiben. Wir deuten unser Verhalten zu unseren Gunsten. So
können wir auch hier in diesem Buch keine „wahren“ Geschichten
wiedergeben, sondern „nur“ persönliche. Die Sicht der verlassenen Frau,
die Sicht des überwältigten Mannes. Trotzdem sind diese
Lebensgeschichten spannend.
Die Spannung zwischen Mann und Frau,
die Erotik entsteht ja gerade dadurch, dass wir anders sind, die Welt
anders wahrnehmen, anders erklären. Es ist nicht die Harmonie, die uns
weiter bringt. Harmonie lässt uns ruhen. Was zwischendurch ganz gut
sein kann. Aber es ist die Spannung, das unterschiedliche Wahrnehmen
der eigenen Bedürfnisse und Absichten, die uns hilft, voneinander zu
lernen, uns gegenseitig zu helfen, uns gegenseitig anzuerkennen.
Dieses Buch, so hoffen wir, spannt einen Bogen zwischen Männern und
Frauen. Vielleicht hilft es, die andere Seite ein wenig zu verstehen.
Und von ihr zu lernen.
Und im besten Falle macht dieses Buch
Mut, die Katastrophe zu überwinden, wie Phönix aus der Asche
aufzuerstehen und ein neues Leben zu beginnen. Mit der Erfahrung, die
man gemacht hat. Mit dem Eigenen, das man dabei vielleicht gefunden
hat. Das bedeutet dann am Ende vielleicht sogar ein „Happy End“ für
beide. Und Frieden mit dem, was mir widerfahren ist.