porträt charles meyer

Charles Meyer

Coaching mit systemischen Strukturaufstellungen

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Einleitung
Ein neues Leben beginnen

In der Mitte des Lebens kommt es oft unerwartet zu einer Krise. Manche Paare trifft diese Krise mitten in einem guten, glücklichen, meist aber von Routine geprägten Lebensabschnitt: Die Kinder sind aus dem Gröbsten heraus, die Karriereleiter ist erklommen, das Leben funktioniert. In diesem Moment der relativen Sicherheit kann es plötzlich zu ungeahnten Erschütterungen kommen. Es ist, als lebten wir auf einem Stück Boden, unter dem ein Drache schläft. Und dieser Drache wälzt sich im Schlaf,  macht es sich erneut bequem, und alles, was über ihm ist, wird furchtbar durcheinander geschüttelt. Es kann sein, dass wir in der Mitte des Lebens durchgerüttelt werden, weil unser Drache, unsere Seele tief im Verborgenen unbequem liegt und sich neu betten will.

In diesem Buch erzählen und analysieren wir Geschichten von Paaren, bei denen der Mann plötzlich in eine totale Krise gerät und sich Hals über Kopf in eine jüngere Frau verliebt. Bar jeglicher Vernunft stürzen sich manche Männer in dieses Abenteuer, das ihnen „endlich Glück“ verspricht. Völlig unverständlich für ihre Ehefrauen. Diese Männer werfen alles über Bord, die langjährige Beziehung zur Frau, ihr Vatersein, ihr bisheriges Leben. Es ist, als suchten sie ein ganz neues Leben, als wollten sie sich aus ihrem alten Leben herauswinden wie eine Schlange aus ihrer zu eng gewordenen Haut. Und sie kümmern sich dabei keinen Deut um die Schmerzen, die sie ihren Frauen und ihren Kindern damit zufügen.

In diesen Geschichten erscheinen die Männer oft als Täter. Als gewissenlose, verantwortungslose, hemmungslose Egoisten. Und die Frauen – zumindest am Anfang – als geschockte Opfer, getroffen von einem um sich schlagenden Partner, den sie so noch nie erlebt haben. Es ist, als wäre er plötzlich ein Anderer, als zeigte er sich auf einmal von seiner übelsten Seite, einer Seite, die er bis anhin versteckt gehalten hat. Und unser erster Reflex ist dann, ihm die Schuld zuzuschieben für das Unglück, das er anrichtet.

Es geht uns in diesem Buch aber nicht darum, Schuldige zu suchen. Schuld ist nur im ersten Moment interessant. Das Zuweisen von Schuld hilft uns zu Beginn, die Fronten zu klären. „Du hast mich und die Kinder sitzen gelassen!“,  „Du hast dein Eheversprechen gebrochen!“,  „Du bist schuld an unserem Unglück!“ Die Empörung über die Schuld des Andern hilft uns, in die Wut zu kommen, den Anwalt anzurufen, die Scheidung einzureichen, die Trümmer aufzuräumen und reinen Tisch zu machen. Wut ist eine gute Kraft dafür, sie reinigt den Boden, auf dem wir fortan stehen. Das Zuweisen von Schuld hilft uns, einen Ausgleich zu verlangen, Gerechtigkeit zu fordern, Alimente, Unterhalt einzufordern, und das ist gut so. Wenn wir aber auf Dauer beim Schuldzuweisen bleiben, besteht die Gefahr , dass wir auch Opfer bleiben. Als Opfer haben wir zwar den Vorteil, dass wir moralisch höher stehen als der Täter. Aber es bringt uns auf die Dauer nicht weiter.

Das Leben geht aber weiter nach diesem Erdrutsch, auch nach dem Verlust des Partners, nach dem Zusammenbruch der Beziehung. Und damit wir nach solch einem furchtbaren Geschehen weiterleben können, brauchen wir ein möglichst klares Verständnis dafür, was uns da widerfahren ist. Es geht uns in diesem Buch darum zu verstehen, warum sich der Drache im Schlaf unruhig gewälzt hat. Denn es ist unser Drache, unsere Seele, unser Unbewusstes, das sich da regt. Und die Wahrscheinlichkeit ist groß, dass die „Nachricht“ des Drachen beiden gilt, nicht nur dem Mann, der dabei vollständig durcheinander geschüttelt wird, oft ins Infantile, ins Kindliche abgleitet und außer Kontrolle gerät. Die „Nachricht“, nach der wir uns zu richten haben, gilt auch für die Frau. Auch sie wird zurückgeworfen auf ihr Eigenes. Brutal. Unmissverständlich. Und auch für sie bringt diese Krise eine Chance zu wachsen, sich neu im Leben einzurichten, sich neu zu erfinden. Wenn auch erst aus der Not heraus.

Wir wollen in diesem Buch etwas von dem Geheimnis entdecken, das Paare zusammenhält oder auseinander treibt. Es geht uns darum, zu zeigen, wie Männer und Frauen sich aneinander oder auseinander entwickeln, was dabei manchmal unter die Räder gerät und später als mächtige Forderung ins Leben zurückkommt, wenn Männer sich plötzlich eine Jüngere nehmen und nachholen wollen, was sie „verpasst“ haben. Und wir fragen danach, wie Frauen und Männer nach dem Horror einer Trennung weiterleben, welche Bewältigungsstrategien sie entwickeln und ob sie ihr Glück gefunden haben.

Wir schreiben dieses Buch als Paar. Wir sind seit 36 Jahren zusammen und haben diese Krise genau so durchlebt. Die meisten Paare geraten irgendwann in eine solche Phase, wo der Drache sich herumwälzt. Einige gehen im Laufe dieses Prozesses auseinander, andere finden sich wieder. Die Gründe dafür sind verschieden. Jede Geschichte ist anders und folgt ihren eigenen Gesetzmäßigkeiten. In unserer Arbeit als Coaches – auch für Paare – hilft uns unsere eigene Erfahrung oft, die beiden Partner zu verstehen. Für dieses Buch haben wir uns aufgeteilt und auseinandergesetzt. Doris Carmen Meyer lässt Frauen erzählen, Charles Meyer Männer. Es ist eine sehr unterschiedliche Sicht der Dinge, die wir da angetroffen haben. Aber das ist ja auch kein Wunder. Jeder Mensch erzählt sich seine eigene Geschichte dauernd neu, und dauernd überschreibt er sie. Wir müssen das tun, damit wir uns jeden Morgen im Spiegel begegnen können. Würden wir uns objektiv sehen können, wäre das Leben vielleicht gar nicht erträglich. Wüssten wir dauernd um unsere Mängel, unsere Fehlentscheide, unsere Feigheit, hätten wir dann noch immer die Größe, uns selbst zu mögen? Vielleicht.

Natürlich und verständlich ist deshalb, dass wir uns unsere eigene Geschichte schönschreiben. Wir deuten unser Verhalten zu unseren Gunsten. So können wir auch hier in diesem Buch  keine „wahren“ Geschichten wiedergeben, sondern „nur“ persönliche. Die Sicht der verlassenen Frau, die Sicht des überwältigten Mannes. Trotzdem sind diese Lebensgeschichten spannend.

Die Spannung zwischen Mann und Frau, die Erotik entsteht ja gerade dadurch, dass wir anders sind, die Welt anders wahrnehmen, anders erklären. Es ist nicht die Harmonie, die uns weiter bringt. Harmonie lässt uns ruhen. Was zwischendurch ganz gut sein kann. Aber es ist die Spannung, das unterschiedliche Wahrnehmen der eigenen Bedürfnisse und Absichten, die uns hilft, voneinander zu lernen, uns gegenseitig zu helfen, uns gegenseitig  anzuerkennen. Dieses Buch, so hoffen wir, spannt einen Bogen zwischen Männern und Frauen. Vielleicht hilft es, die andere Seite ein wenig zu verstehen. Und von ihr zu lernen.

Und im besten Falle macht dieses Buch Mut, die Katastrophe zu überwinden, wie Phönix aus der Asche aufzuerstehen und ein neues Leben zu beginnen. Mit der Erfahrung, die man gemacht hat. Mit dem Eigenen, das man dabei vielleicht gefunden hat. Das bedeutet dann am Ende vielleicht sogar ein „Happy End“ für beide. Und Frieden mit dem, was mir widerfahren ist.