Petra Wüst
Es gibt keinen weiblichen Führungsstil.
Women in Business: Petra Wüst, sie trainieren Leadership. Führen Frauen anders als Männer?
Petra
Wüst: Es gibt Unterschiede, klar, aber es gibt nicht einen weiblichen
und einen männlichen Führungsstil. Das ist ein Mythos, der immer wieder
beschworen wird. Wenn man genauer hinschaut, löst er sich auf.
Wissenschaftlich lassen sich kaum geschlechtsspezifische Unterschiede
nachweisen.
Ich bitte sie: Männer führen hart, Frauen weich...
Was
es gibt, sind diese weit verbreiteten Geschlechterstereotypen: Frauen
sind kooperativ, teamorientiert, kommunikativ. Sie kümmern sich um die
Anderen, sie hegen, pflegen. Von Frauen erwartet man, dass sie das
mitbringen und diesen Führungsstil pflegen. Gemäss männlichen
Stereotype sind Männer statusorientiert, machtorientiert, dynamisch,
durchsetzungsstark.
So war es, so bleibt es?
Seit rund 20
Jahren ist in der Wirtschaft die Forderung aufgekommen, weniger zu
befehlen, und mehr zu motivieren. Da dies eine typisch weibliche
Fähigkeit ist, hat man gesagt, dies sei nun der weibliche Führungsstil.
Aber das ist ein reines Konstrukt, und es gilt sowieso nur im unteren
und mittleren Kader. In der Top-Elite ist dieser Stil nicht gefragt.
Dort will man Macher. Aber den Frauen traut man das nicht zu.
Stimmt es denn nicht?
Das
sind alles Stereotype, Vorurteile, fixe Bilder, wie eine Frau zu sein
hat, wie ein Mann zu sein hat. Damit bleibt man an der Oberfläche. Aber
Frauen werden an diesen Stereotypen gemessen. Wenn eine Frau eine
Macherin ist, dann heisst es sofort, sie sei eine Zicke. Die
Schwierigkeit besteht darin, aus diesen Stereotypen heraus zu kommen.
Sie sind in den Strukturen der Unternehmen verankert.
Ist das nicht zu einfach, den Strukturen die Schuld zu geben?
Ich
will ihnen ein Beispiel geben: In meinen Trainings gibt es jeweils eine
kurze Vorstellungsrunde, wo jeder etwas über sich sagt. Zum Thema Hobby
sagen viele Männer: meine Familie. Und sie fühlen sich noch super
dabei! Ihre Familie ist ihr Hobby, also etwas, was man in der freien
Zeit zur Unterhaltung und Entspannung betreibt. Aber da regt sich
niemand auf, niemandem fällt das überhaupt auf, im Gegenteil, viele
denken noch, toll, dieser Typ, der kümmert sich um die Familie. Wir
denken in alten Strukturen.
Wie definieren Frauen Karriere?
Frauen
ist der Sinn sehr wichtig. Ihr Interesse ist es, mit guten Leuten
zusammen zu arbeiten, sich entwickeln zu können, wertgeschätzt zu
werden. Frauen sind extrem scharf auf persönliche Entwicklung.
Aber beide wollen Erfolg?
Männer
gehen mit Kritik und Misserfolg anders um als Frauen. Sie sind
wettbewerbsorientiert und nehmen das eher sportlich: Mal gewinnen wir,
mal verlieren wir, die nächste Chance kommt bestimmt. Frauen dagegen
sind ganz anders sozialisiert, nicht Konkurrenz, sondern Kooperation
sind gefragt, nett sein, aufeinander zugehen, aufeinander eingehen. Bei
Misserfolgen und Kritik stürzen sie in Selbstzweifel: „Ich habe Fehler
gemacht“, „Ich kann das nicht“. In der Wissenschaft unterscheidet man
zwei Arten der Erfolgsorientierung und männlich und weiblich lassen
sich diesen beiden Arten zuordnen. Die männliche Orientierung sagt bei
Erfolg: „Ich bin super! Dieser Erfolg ist mir zu verdanken!“ Bei
Misserfolg sagt sie: „Naja, Pech gehabt, dumm gelaufen. Ich kann nichts
dafür.“ Die weibliche Orientierung läuft genau umgekehrt: Bei Erfolg
sagt das Weibliche: „Ach, ich hab einfach Glück gehabt, ich kann im
Grunde nichts dafür.“ Bei Misserfolg sucht es den Grund bei sich: „Ich
hab Fehler gemacht. Ich war schlecht vorbereitet.“
Und so denken sie auch, wenn sie Karrierechancen packen und Führung übernehmen sollen?
Die
Art, wie wir über Erfolg und Misserfolg denken, bestimmt, wie wir mit
Herausforderungen umgehen. Das Männliche sagt: „Klar pack ich das! Ich
kann ja nur gewinnen!“ Das Weibliche sagt: „Kann ich das überhaupt?“,
und traut es sich weniger zu.
Was kann jemand tun, wenn er sich von den Stereotypen frei strampeln will?
Man
muss die Strukturen aufdecken. Sein eigenes Denken beobachten. Wenn ich
Misserfolg habe, hadere ich damit? Macht mir das schlaflose Nächte?
Oder kann ich sportlich sagen: Das nächstes Mal gewinne ich! Kann ich
Erfolg geniessen als etwas, was ich selber hergestellt habe? Oder als
etwas, was mir zugefallen ist? Diese Denkstrukturen kann man aufdecken
– und anhalten. Man kann umdenken.
Aber das Umfeld ist damit noch nicht vom stereotypen Denken befreit.
Da
haben Sie recht. Die Strukturen in unseren Unternehmen machen den
Frauen keine Lust. Sie sehen da keine Entfaltungsmöglichkeit für sich,
sie wenden sich ab. Und dabei geht ein riesiges Potential verloren. In
den allermeisten Unternehmen herrscht noch immer das klassische
männliche Karrieredenken.
Wie wollen sie das ändern?
Dazu
brauchen wir Quoten. Denn es braucht endlich mehr Frauen in den oberen
Etagen. Männliche Strukturen ziehen Männer an, und weil nur Männer
dabei nach oben kommen, zementieren sie die männlichen Strukturen. Um
das zu ändern braucht es eine kritische Masse von Frauen. Die würde
dann Frauen anziehen, die eine andere Art von Karriere leben möchte,
weniger machoid, mehr persönlich.
Aber damit würde ja gerade wieder das weibliche Denken gelebt: Ich hab den Job nur, weil ich eine Frau bin.
Deswegen
wollen Frauen keine Quoten. Sie wollen sich nicht diskriminieren
lassen. Eine Quote wäre zweifellos diskriminierend. Und es wäre mir
auch viel lieber, es würde sich etwas ändern ohne eine Quote. Aber es
ändert sich nichts, im Gegenteil, die Lohnschere zwischen Mann und Frau
geht weiter auseinander.
Wo würden sie eine solche Quote einführen wollen?
Es
wäre ein guter Anfang, wenn die grösseren Unternehmen eine solche Quote
einführen würden. Wie jetzt zum Beispiel die deutsche Telecom. Die
sagen: „Bei uns wollen wir mindestens 30 Prozent Frauen weltweit und
auf jeder Stufe“. So etwas hat Signalwirkung. Sie erschliessen sich
einen ganz neuen Markt von exzellent ausgebildeten, hochmotivierten
Frauen, die in diesem Unternehmen arbeiten möchten, weil da die
Strukturen offen sind.
Was kann die einzelne Frau tun, um trotz männlichen Strukturen vorwärts zu kommen?
Eine
solide Basisleistung gehört zum Job. Aber damit werde ich noch nicht
befördert. Wenn ich vorwärts kommen will, muss ich einen Zusatznutzen
bringen, der nicht erwartet wird, der aber dem Chef und dem Unternehmen
einen Mehrwert bietet. Und diesen Mehrwert muss ich gut verkaufen. Ich
muss mich zeigen. Dann falle ich auf, das Unternehmen wird auf mich
aufmerksam und ich gewinne an Sichtbarkeit und Selbstbewusstsein.
Was kann die Einzelne tun, um sich einen Führungsstil zuzulegen, der ihr entspricht?
Zuerst
einmal muss man in sich hineinschauen. Wer bin ich? Welche Werte will
ich leben? Welche Stärken, welche Emotionen möchte ich wecken? Welche
Leidensbereitschaft habe ich? Man soll sich nicht danach richten, was
gewünscht ist, sondern danach, was man bieten will. Wie bin ich
authentisch, wie kann ich berechenbar sein und Vertrauen wecken? Die
Antwort darauf finde ich in keinem Führungslehrgang, sondern nur in mir
selber. Wie kontrolliere ich? Transparent genug, damit sich die
Mitarbeiter danach richten können? Wie will ich die Stärken meiner
Mitarbeiter fördern? Die Antworten darauf ergeben den persönlichen
Führungsstil und somit die eigene Marke. Und die bringt einen weiter.
Box
Typisch männlich, typisch weiblich
Frauen
und Männern werden unterschiedliche Eigenschaften zugeordnet,
Stereotypen. Und das ist fatal, denn Männer und Frauen glauben daran.
Dabei kann sich jede Person daraus auswählen, was für sie stimmt, und
seinen eigenen Führungsstil entwickeln.
Als typisch weiblich gilt: hegen, pflegen, motivieren, sich kümmern, kommunizieren, das Team in den Vordergrund stellen.
Als
typisch männlich gilt: Ziele erreichen, dynamisch sein,
durchsetzungsstark, erfolgsorientiert, machtorientiert,
statusorientiert.
Box
Dr. Petra Wüst ist Expertin auf
dem Gebiet des Self Branding. Sie arbeitet als selbständige Beraterin
und Führungstrainerin in ihrem Unternehmen Wüst Consulting in Basel.
Die Ökonomin und Psychologin ist an mehreren Schweizer Hochschulen als
Referentin tätig und ist Vorstandsmitglied der Wirtschaftsfrauen
Schweiz. Sie hat mehrere Bücher verfasst zum Thema Self Branding, das
neueste erscheint unter dem Titel „Profil macht Karriere“ dieser Tage
bei Orell Füssli. Wüst fordert darin zu einer eigenständigen Definition
von Führungsstil auf, unabhängig von männlichen oder weiblichen
Stereotypen. Denn nur das Eigene bringt einen wirklich weiter.