Sie haben mit traumatisierten Menschen zu tun? Geben Sie acht!

Menschen mit traumatischen Verletzungen kann man leicht grossen Schaden zufügen, ohne es zu wollen. Auf der anderen Seite können Menschen mit traumatischen Verletzungen andere Menschen unabsichtlich „anstecken“.  Es gibt ein paar einfache Regeln, wie man beides verhindern kann, oder, falls es schon geschehen ist, wieder gut machen kann.

Das Psychotrauma ist heute von der Hirnforschung im Wesentlichen recht gut verstanden. Geraten Menschen (oder auch Tiere) in eine Situation, die überraschend, lebensbedrohlich, auswegslos und hilflos erscheint, laufen im Gehirn vorprogrammierte Prozesse ab, wie die Evolution es vorgesehen hat: Innert Sekundenbruchteilen wird im Stammhirn die Entscheidung gefällt, welche der drei Optionen am ehesten das Leben rettet: totstellen, kämpfen oder flüchten – falls überhaupt eine der drei vorprogrammierten Optionen möglich ist. Das läuft so schnell ab, dass der langsamere und komplexere Frontallappen unseres Gehirns nicht mitkommt. Das Geschehen in der äusseren Situation wird nur mehr fraktioniert verstanden, Zusammenhänge fehlen, es entsteht in der Folge ein Netzwerk im Gehirn, das in einer Alarmschleife hängenbleibt, es kommt nicht zur Ruhe, weil es keinen Sinn für das Geschehen konstruieren kann. Traumatische Netzwerke feuern dauernd weiter. Intrusiv kann das Geschehen wie ein Film immer wieder ins Bewusstsein eindringen, weil es integriert werden und zur Ruhe kommen will. Um zu überleben, wird dieses Netzwerk nach Möglichkeit abgeschottet , das Geschehene wird verdrängt – und mit ihm der Anteil der Persönlichkeit, der das Furchtbare erlebt hat. Er wird abgespalten, dissoziiert.

Sehr viele Menschen kommen in den folgenden Wochen oder Monaten von selber wieder in gesunde Zustände, bei Einigen aber feuert das Netzwerk weiter und verbraucht Energie, die für das Alltags-Leben gebraucht würde. Deppressive Zustände, Unruhe und Angstzustände können die Folge sein, weil die Betroffenen zusätzlich viel Energie aufwänden müssen, um das Trauma-Netzwerk nicht zu berühren. Wird es berührt durch Erinnerungen, die von innen kommen oder durch Anstösse, Trigger, die von aussen die Erinnerung an das traumatische Geschehen wieder wecken, geschieht eine Retraumatisierung – als würde man mit einem Finger in der Wunde bohren. Lösungsfokussiertes Trauma-Coaching kann hier sehr hilfreich sein. Das feuernde Netzwerk wird beruhigt, wieder sinnhaft mit den anderen Netzwerken im Gehirn verbunden, das Geschehene kann akzeptiert werden und wird am Ende einfach als Erinnerung abgelegt.

Mit zum evolutionären Vorteil des Trauma-Prozesses gehört auch, dass Umstehende vom Trauma „angesteckt“ werden. Wenn ein Löwe in eine Herde Antilopen prescht, ist es sinnvoll, dass das schnelle Geschehen im Stammhirn der ersten Antilope sofort auf alle Herdenmitglieder übertragen wird, und alle sofort vom Fluchtimpuls ergriffen werden. Müssten sich alle zuerst umdrehen und den Löwen anschauen, bevor sie sich zur Flucht entschliessen, hätte die Raubkatze nur leichte Beute. Diese Übertragung des Traumaprozesses funktioniert auch unter Menschen. Ihre Intensität korrelliert mit der Nähe zum Geschehen.

Wenn jemandem zum Beispiel „hart“ gekündigt wird, kann das für den Betroffenen die Bedingungen für traumatische Prozesse erfüllen (überraschend, existenzbedrohend, ausweglos und hilflos). Finden solche Prozesse statt, lösen sie bei anderen anwesende Personen, Vorgesetzten, Personalchefs, dem Rest der Belegschaft, der Familie zuhause die selben Prozesse aus.  Wenn der Gekündigte mit seinem Traumaprozess vor seinem RAV-Betreuer sitzt, kann dieser Prozess auch  im Gehirn seines Beraters getriggert werden. Wenn ein Arzt oder eine Krankenschwester einen traumatisierten Patienten behandelt, wenn ein Polizist bei einem Autounfall schwerverletzte traumatisierte Personen rettet, kann das bei ihm traumatische Prozesse auslösen – und zieht ihn in die Hilflosigkeit. Der traumatische Prozess  fordert sofort eine Entscheidung: kämpfen, fliehen oder totstellen, aber keine der drei Optionen helfen einer Aerztin, einer Polizistin oder einer RAV-Betreuerin. Die Symptome für „Ansteckung“ sind: Aufgewühltheit, Stress, Energieverlust, Erschöpfung, verminderte Erholungsfähigkeit, am Ende Burn-Out, oder Intrusionen von eigenen früheren Traumatas.

Menschen, die mit traumatisierten Personen zu tun haben, können lernen, Traumaprozesse bei ihrem Gegenüber zu beruhigen, sie werden nicht unwissend  in der Wunde bohren. Sie können lernen, Trigger zu vermeiden, die ihr Gegenüber retraumatisieren und sie  ins Trauma-Geschehen zurück katapultieren, und – falls es doch zu Rückfällen kommt, ihre Klienten (und sich selber )mit einfachen Methoden so zu stabilisieren, dass sie  zu ihrem „anscheinend normalen Persönlichkeits-Anteil“ (Van der Haart 2008) zurückfinden und im Alltag funktionieren können. Sie können auch trotz aller Empathie vermeiden, durch „Ansteckung“ selber in traumatisches Geschehen zu geraten und so in der eigenen Kompetenz und Effizienz geschwächt zu werden. Diese Techniken lehren wir gerne in einem  Weiterbildungsmodul für Personen, die mit traumatisierten Menschen in irgend einer Form zu tun haben.

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